Deutscher Gewerkschaftsbund

23.06.2015
Bildungsreihe "Wirtschaftspolitik im Strukturwandel"

Der Mensch gehört in den Mittelpunkt

Chancen und Risiken der Digitalisierung der Arbeitswelt

Die Referenten der Veranstaltung

DGB Ruhr-Mark

Auch die dritte Veranstaltung in der Reihe zur „Wirtschafts- und Strukturpolitik“ in der DGB-Region Ruhr Mark war mit mehr als 50 Kolleginnen und Kollegen sowie regionalen Gästen gut besucht. In der Gaststätte „Grubengold“ in unmittelbarer Nähe des Bergbaumuseums begrüßte die 1. Bevollmächtigte der IG Metall und Vorsitzende des DGB in Bochum Eva Kerkemeier die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung unter dem Titel „Digitalisierung der Arbeitswelt – Industrie 4.0“ und Referierende des Abends. Regionsgeschäftsführer Jochen Marquardt folgte mit einem kurzen Rückblick auf die bisherigen Treffen in Sprockhövel und Lüdenscheid. Dabei verwies er noch einmal auf die grundlegende Idee der Reihe in allen Stadt- und Kreisverbänden wichtige Themen betrieblicher und gewerkschaftlicher Herausforderungen zu diskutieren. Während in Sprockhövel die Gesamtsituation der Region im Zentrum stand, ging es in Lüdenscheid vor allem um die Fragen des demografischen Wandels. Bedeutsam aus seiner Sicht war und ist es, sowohl konkret in die Betriebe und Verwaltungen zu schauen, als auch den Blick über den Tellerrand zu wagen und die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Vor diesem Hintergrund waren denn auch für Bochum die Vortragenden ausgewählt worden. Der Wissenschaftler Dr. Florian Butollo von der FSU Jena (Preisträger des Jörg Huffschmid-Preises aus dem Jahr 2013) war ein guter Ersatz für Prof. Dr. Klaus Dörre, der kurzfristig absagen musste. Sein Vortrag „Die technische Revolution und ihre Auswirkungen auf die Arbeitswelt“ folgte einem kurzen Informationsfilm und öffnete den Blick auf soziologische und technische Aspekte der Digitalisierung. Dabei erläuterte er die technologischen Revolutionen und deren arbeitspolitische Probleme. Er verwies auf die gesellschaftlichen Implikationen und schloss mit einem Fazit, dass sowohl auf die enormen Potenziale für die Aufwertung der Arbeit für die Mehrung gesellschaftlichen Wohlstands unter Wahrung natürlicher Ressourcen als auch auf Gefahren für die Qualität von Arbeit und sozialer Ungleichheit hinwies. Für ihn kommt es im Besonderen darauf an, die Risiken einer zerstörerischen Akkumulationsdynamik durch soziale Ko-Innovationen auf allen Ebenen zu begleiten und die Gewerkschaften als gestaltende kritische Kraft einzubringen.

Gabi Schilling vom IG Metall-Bezirk NRW schloss mit einem Überblick über die Entwicklungen aus industriepolitischer Sicht an. Mit profundem Hintergrund zeigte sie die Entwicklungsetappen der so genannten industriellen Revolution von der Dampfmaschine bis in die aktuelle Situation auf. Aus ihrer Sicht wird sich die Industriearbeit durch ganzheitliche Produktionssysteme beschleunigt verändern und Vernetzungssysteme hervorbringen, die in Smart Factorys miteinander kommunizieren. Bei der Einführung, bzw. Weiterentwicklung wird es die zentrale Gestaltungsaufgabe sein, die digitalen Prozesse dahingehend zu steuern, dass vor allem Menschen die Systeme nutzen und nicht, dass Systeme die Menschen lenken. Dabei stehen vor allem Fragen um die Beschäftigung, um Arbeitsorganisation und -bedingungen und um den neuen Qualifikationsbedarf im Zentrum. „Der Mensch“, so die Referentin, „gehört in den Mittelpunkt und deshalb ist u.a. der Technikeinsatz menschengerecht zu gestalten, die Belastungen sind zu mindern und es gilt Mitbestimmungsdimensionen für die digitale Welt zu entwickeln, anzupassen und zu erweitern.“

Als dritter Vortragender kam Dr. Martin Beckmann von der ver.di – Bundesverwaltung zu Wort. Damit wurde unterstrichen, dass die bereits vorhandenen und für die Zukunft anstehenden Veränderungen in der Arbeitswelt durch die Digitalisierung auch in vielen Bereichen im Dienstleistungsbereich enorme Auswirkungen hat und haben wird. Der Referent wies in seinem Beitrag darauf hin, dass beispielsweise im Bankwesen und im Versandhandel bereits gewaltige Umwälzungen vollzogen sind. Dabei liegen in den digitalen Veränderungen zweifellos neue Chancen. „Selbstverständlich kann intelligente Technik uns dabei helfen, unsere Arbeit und unsere Lebensqualität zu verbessern.“ Digitalisierung darf aber nicht entmündigen, sondern es muss immer möglich sein, in den Ablauf der Technik eingreifen zu können. Von besonderer Bedeutung war für ihn der Hinweis, dass auch Gefahren für die Beschäftigung lauern. So kommt eine Studie der INGDIBa für den deutschen Arbeitsmarkt zu dem Fazit, das Millionen Arbeitsplätze gefährdet seien. Aufgrund der Ambivalenz der Entwicklung ist es für ihn von besonderer Wichtigkeit, dass die Digitalisierung politisch begleitet wird um flankierende und regulierende Interventionen möglich zu machen.

 Nach den Vorträgen fanden in drei Arbeitsgruppen interessante und lebhafte Diskussionen statt. Es wurde deutlich, dass es ein breites Spektrum an betrieblichen Ausprägungen der Digitalisierung in den Unternehmen bereits gibt. In einigen Betrieben steht der Einsatz von digitaler Technik noch ganz am Anfang, in anderen gibt es bereits vernetzte Systeme. Obwohl allen Beteiligten klar war, dass es darum gehen muss gestaltend einzugreifen, standen bei vielen Kolleginnen und Kollegen vor allem die Sorgen vor den neuen Entwicklungen im Vordergrund. Dennoch herrschte Einigkeit, dass es darum gehen muss den Blick für diese Entwicklungen zu schärfen und frühzeitig in die Prozesse einzugreifen, wenn die neuen technologischen Entwicklungen für die Beschäftigten sinnvoll zum Einsatz kommen sollen. Dabei wird es ganz wichtig sein gleichzeitig die betrieblichen Bedingungen zu gestalten und politische Rahmenbedingungen zu schaffen, die dazu beitragen gute Arbeit und gute Arbeitsbedingungen zu sichern und auszubauen. Als Anforderungen an die Gewerkschaften stand im Zentrum der Debatte die Aufklärungsarbeit zu verstärken und die Beschäftigten bei der erfolgreichen Gestaltung zu unterstützen.

In seinem Schlusswort ging Jochen Marquardt auf die zentralen Punkte der Diskussionsrunden ein, bedankte sich bei allen, die zu der spannenden Veranstaltung beigetragen haben und konzentrierte darauf, dass es in dieser wie in vielen anderen Fragen natürlich darauf ankommt mehr Mitglieder für die Gewerkschaften zu werben. Es gilt auf allen Ebenen darauf zu konzentrieren das nötige Know How zu vermitteln, das benötigt wird, um die Herausforderungen im Interesse der Beschäftigten zu lösen. Gleichzeitig ist es notwendig aktiv Einfluss auf Politik zu nehmen und diese in Mitverantwortung zu nehmen, um gute und bessere Arbeit zu schaffen. Der Bogen ist dabei von A wie Arbeitszeit bis Z wie Zukunft der Arbeit zu spannen und muss immer auch damit verbunden sein, die Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern und dabei auch einen verteilungsgerechten Anteil durchzusetzen.

Zum Schluss der Veranstaltung noch die Einladungen an einem Expertentreffen zur Nachbearbeitung der Diskussion um den demografischen Wandel am 19. August in Hagen und für den 22.10 zur Fortsetzung der Reihe nach Herne. Dort soll das nächste Thema „Energiepolitik“ miteinander bearbeitet werden.

 

 Die Veranstaltung am 23.06.2015 im Bild


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